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in-sights: the future of management

Welches Führungs-Verständnis haben Sie?

Alexander Kausl im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann über Menschenbilder, die unserem Führungsverständnis zugrunde liegen


Sind in Ihrem Unternehmen passive, führungsbedürftige Wesen beschäftigt? Oder neugierige, aktive Mitarbeiter?


In der wissenschaftlichen Betrachtung gibt es über 220 Definitionen von Leadership, die im Kern eine Gemeinsamkeit haben: Sie sprechen alle davon, dass es sich bei Leadership um einen Prozess, um eine Handlung oder um einen Einfluss handelt, der auf eine konkrete Art und Weise Menschen dazu bringt, etwas Bestimmtes zu tun. Es geht also darum, Menschen zu bewegen, einer Idee oder einer Person zu folgen. Wir wollten wissen, welche grundlegenden Fragen, Gedanken und Konzepte den Philosophen Konrad Paul Liessmann in Sachen Führung „bewegen“ und welchem Menschenbild er „folgt“ - fernab von Definitionen...


Führung hat etwas damit zu tun, dass man denkt, es gebe einen Grund, Menschen 'bewegen' zu müssen!  

KONRAD PAUL LIESSMANN

Herr Professor Liessmann: Wie stehen Sie als Philosoph zum Thema Führung? Wie kommt es, dass wir andere Menschen dazu "bewegen" möchten, etwas oder jemandem zu "folgen"?

Konrad Paul Liessmann: Aus philosophischer Perspektive haben alle Konzepte bzw. Ideen von Führung mit einem spezifischen Menschenbild zu tun. Denn im Grunde genommen geht jedes Führungskonzept davon aus, dass wir es in der Regel mit Menschen zu tun haben, die nicht wissen, was sie zu tun haben. Sonst würde man sie erst gar nicht führen müssen. Hier könnte  man sich nun aber fragen:

  • Woher wissen wir so genau, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die NICHT WISSEN, was sie zu tun haben?
  • Und woher wissen wir, wo jene Menschen zu finden sind, die nicht nur WISSEN, was sie SELBST, sondern auch den Anspruch erheben zu wissen, was ANDERE zu tun haben?

Das heißt also: Jede Frage der Führung - unabhängig davon, welche Definition von Leadership herangezogen wird - hat nichts mit diesem allgemeinen Bild von Führung zu tun, wonach man Menschen „einfach nur“ in eine bestimmte Richtung bewegen will. Denn warum sollen wir andere Menschen überhaupt bewegen? Wer seine Ruhe haben will, könnte doch auch einfach in Ruhe gelassen werden!

Daraus kann man schließen: Führung hat etwas damit zu tun, dass man denkt, es gebe einen Grund, Menschen bewegen zu müssen! Und: Führung hat sehr viel mit unserem Menschenbild zu tun.


Wenn man sich nun mehr Gedanken über die unterschiedlichsten Menschenbilder machen möchte: Was können Sie uns diesbezüglich mit auf den Weg geben?

Konrad Paul Liessmann:  Darüber könnte man nun natürlich stundenlang diskutieren und philosophieren. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber  lediglich auf zwei Bilder eingehen, die schon seit der Antike debattiert werden. 

  • Man kann auf der einen Seite jenes Menschenbild vertreten, wonach der Mensch ein führungsbedürftiges Wesen und aufgrund seiner Lage, seiner Herkunft, seiner Bildung, seiner Bedürfnisse usw. eher PASSIV ist. Bei diesem Bild ist der Mensch ein Wesen, das seine Bedürfnisse befriedigt bekommen will. Und wenn er zu bestimmten Aktivitäten bewegt werden soll, dann müssen die Anstöße von außen kommen.
     
  • Man kann aber auch das Menschenbild vertreten, wonach alle Menschen ihrer Grundausstattung nach nicht nur passiv bedürfnisorientiert, sondern auch AKTIV sind. Demnach sind Menschen im Allgemeinen neugierig, kreativ, experimentierfreudig, vernunftbegabt usw. Jene Aufgaben, die der Mensch zu bewältigen hat, werden bewältigt, indem er sich mit anderen verständigt und gemeinsam zu Entscheidungen findet.

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas spricht in diesem Zusammenhang von der „Theorie des kommunikativen Handelns“ – einer Mischung aus Kommunikation und Handeln. Dabei wird Kommunikation als ein vernünftiger Diskurs in Form eines Austauschs von Argumenten gesehen. Nicht die bessere Idee im Sinne von Kreativität setzt sich durch, sondern das besser argumentierte Konzept.


Man "folgt" also keiner Person? Sondern den besseren Argumenten?

Konrad Paul Liessmann: Genau! Kraft der eigenen Beteiligung an den Kommunikations- und Entscheidungsprozessen folgt man rational argumentierbaren Überlegungen. Man „unterwirft“ sich somit der VERNUNFT – damit aber auch DER EIGENEN Vernunft. 

Man 'unterwirft' sich der Vernunft – aber der eigenen Vernunft!

KONRAD PAUL LIESSMANN
 

Zum Abschluss noch ein paar selbstkritische Fragen zum Führungsverständnis:

Die Gedankengänge von Konrad Paul Liessmann haben uns gefallen und uns dazu gebracht, uns selbstkritisch folgende Fragen zu stellen.

  • Dürfen, sollen oder müssen wir andere Menschen dazu bewegen, etwas zu tun, was sie unter Umständen ursprünglich nicht beabsichtigt hätten, selbst zu tun?
  • Woher wissen wir so genau, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die nicht wissen, was sie zu tun haben?
  • Woher wissen wir, ob jene Menschen, die den Anspruch auf Führung erheben, tatsächlich für sich und andere wissen, was zu tun ist?
  • Welche Kraft oder Macht prägt unser Führungsverständnis: die Kraft des besten Arguments oder die (Positions-)Macht einzelner Personen?

Vielleicht stellt die ein oder andere Frage auch einen Impuls für Ihr Führungsverständnis dar? Wir wünschen Ihnen jedenfalls möglichst viele aktive und neugierige Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen.

II


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QUELLEN UND LESETIPPS
  • Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 4 zu entnehmen: Weber, K.; Bailom, F., Kausl, A. (2012/13). Philosophicum mit Konrad Paul Liessmann. Führung macht keinen Sinn, sondern hat die Aufgabe, die Sinnfrage zu verhindern. IMP Perspectives 4, Leadership-Logiken der Zukunft: Macht.Führung.Sinn. (S. 35-46)
     
  • Mehr Einblicke in das Denken und Arbeiten von Konrad Paul Liessmann erhalten Sie hier: homepage.univie.ac.at/konrad.liessmann/

 

 

Unser Interview-Partner

Konrad Paul Liessmann
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Der österreichische Philosoph, Essayist und Kulturpublizist Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann steht uns regelmäßig für aktuelle Fragen und Diskurse bzw. für gesellschaftspolitische Themen zur Verfügung.