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in-sights: the future of management

Warum Unternehmen auch Zyniker und Störenfriede brauchen

Klaudia Weber und Franz Bailom im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann

 

Sorgen Sie für die Idealbesetzung in Ihrer Strategiearbeit!


Gibt es "die" Idealbesetzung für eine erfolgreiche Strategiearbeit? Und falls ja: Wie muss sich ein derartiges Team zusammensetzen? Wenn man den Philosophen Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann diesbezüglich zu Rate zieht, bringt er unvermittelt ein "Bild" zu Sprache: 


 

Die "Schule von Athen"

Bei der "Schule von Athen" handelt es sich um das berühmte Fresko des Malers Raffael aus dem frühen 16. Jahrhundert, das im Vatikan zu bewundern ist und auf dem unter anderem die Philosophen Platon, Aristoteles, Diogenes und Sokrates "versammelt" sind. Die berechtigte Frage lautet: Brauchen wir für eine intelligente Strategiearbeit mehr Philosophen im Team? Oder geht es einfach nur um eine möglichst "bunte" Teamzusammensetzung, um den vielfältigen Herausforderungen mit Vielfalt begegnen zu können.

Doch warum sollte es neben Idealisten und Empirikern auch noch Platz für Zyniker und Störenfriede in Unternehmen geben? Und warum ist die Schule von Athen ein zeitloses Lehrbeispiel für ein neues Managementzeitalter? 

Dazu Konrad Paul Liessmann:

Das eigentlich Interessante an Raffaels 'Schule von Athen' ist die Verortung der einzelnen Vertreter!

Konrad Paul Liessmann

LIESSMANN: "Der Maler positionierte Sokrates, Platon und Aristoteles auf derselben Ebene. Er verzichtet damit auf die Darstellung eines typischen Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Vielmehr platziert er Platon (der im Übrigen die Züge Leonardo da Vincis trägt) und seinen Schüler Aristoteles nebeneinander im Zentrum des Bildes. Sokrates, der Lehrer von Platon, steht dagegen etwas entfernt links und kehrt ihnen den Rücken zu. Auffallend: Der Kyniker Diogenes, der Anti-Philosoph schlechthin, lagert als Blickfang im Vordergrund.

So sieht der Betrachter …

  • Platon, der in den Himmel zeigt – und damit sinnbildlich für den IDEALISTEN steht,
  • Aristoteles, der auf die Erde weist – und so den EMPIRIKER darstellt,
  • Diogenes, der alles unterläuft – und somit den ZYNIKER markiert,
  • Sokrates, der im Abseits zu finden ist und von dort aus seine
    Fragen stellt – und den STÖRENFRIED symbolisiert.

Mithilfe dieses bildlichen Modells kann man auch einen intelligenten Diskurs darstellen und beschreiben.

Konrad Paul Liessmann

LIESSMANN: Jedes Unternehmen braucht jemanden, der Ideen hat, die weit über den empirischen Horizont hinausweisen. Gleichzeitig braucht man einen 'Aristoteliker', der sagt: 'Bleiben wir doch bitte auf dem Boden der Realität! Untersuchen wir doch das, was wir tatsächlich wahrnehmen und erfassen können …' Auch ein Diogenes, der darauf verweist, dass wir uns ständig etwas vormachen, ist unverzichtbar. Und zu guter Letzt brauchen wir im Unternehmen jemanden, der die berühmten grundsätzlichen 'Was ist'-Fragen stellt: den sokratischen Störenfried. Jemanden, der das bereits erzielte Einverständnis immer wieder stört.

Aber dieses Infragestellen und diese permanente Störung hält im Grunde niemand aus. Die Athener Bürgerschaft hat es nicht ausgehalten – weshalb sie Sokrates zum Tode verurteilt hat –, und auch die meisten Unternehmen halten es nicht aus. Es gab natürlich immer wieder den Versuch, solche Störenfriede zu institutionalisieren: mittels Rollen und Positionen, die einzelnen Menschen die Lizenz zur unliebsamen Wahrheit gaben. Der Hofnarr beispielsweise durfte Dinge sagen, die sonst NIEMAND zu sagen gewagt hätte.

Im übertragenen Sinn versuchen manche Organisationen nach wie vor, eine solche Position zu etablieren. Ich glaube jedoch, dass die ERNSTHAFTIGKEIT des sokratischen Störenfrieds genau darin besteht, dass man ihn NICHT aushält." [1]

Dennoch sollten sich Unternehmen, wenn sie sich von derart unbequemen Mitarbeitern trennen, zumindest darüber im Klaren sein, dass es eigentlich genau um diese Störenfriede und die von ihnen ausgehenden Impulse gegangen wäre.

Konrad Paul Liessmann


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QUELLEN UND LESETIPPS

[1] Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 7 zu entnehmen: Weber, K. & Bailom, F. (2016). Krieg und Frieden. Oder: Von Kämpfen, Künsten und Störenfrieden. Ein Interview mit Konrad Paul Liessmann. IMP Perspectives 7, Strategiearbeit der Zukunft: Wohin des Weges? (S. 139-147)

 

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Der österreichische Philosoph, Essayist und Kulturpublizist Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann steht uns regelmäßig für aktuelle Fragen und Diskurse bzw. für gesellschaftspolitische Themen zur Verfügung.