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in-sights: the future of management

Philosophie und Führung

Klaudia Weber im Gespräch mit dem Philosophen und Theologen Clemens Sedmak 
 

Warum man in Sachen Führung durchaus „auf den Hund" zu sprechen kommen kann


„Auf den Hund gekommen“ ist eine bekannte Redensart. Damit ist aber nicht gemeint, dass man jetzt stolzer Hundebesitzer ist. Es bringt vielmehr zum Ausdruck, dass man „in schlimme Umstände geraten“ ist. Wir sind im Gespräch über Führung mit Professor Clemens Sedmak recht bald auf den Hund zu sprechen (!) gekommen. Konkret bekamen wir einen kurzen Auszug aus Michael Köhlmeiers Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“ zu hören. Und hier gibt es erstaunliche Parallelen zur Führungsarbeit, zumal auch Führungskräfte oft auf sich allein gestellt sind und sich auf „dünnem Eis“ bewegen.


 

Leadership hat mit Selbstführung zu tun

SEDMAK: Kennen Sie Michael Köhlmeiers Roman „Idylle mit ertrinkendem Hund“? Das ist eine Novelle, die meiner Meinung nach auch einiges über Leadership aussagt. In dieser Geschichte geht es um einen Schriftsteller, der bei einem Winterwald-Spaziergang mit seinem Lektor auf eine schöne, idyllische Lichtung kommt, auf der sich ein zugefrorener See befindet. Von Weitem sehen die beiden einen großen, schwarzen Hund über das Eis auf sie zulaufen. Plötzlich bricht das Eis, der Hund kämpft um sein Leben. Der Lektor will Hilfe holen und läuft davon. Der Schriftsteller bleibt allein zurück. Was soll er nun tun? Auch davonlaufen? So tun, als ob nichts geschehen wäre, und wegschauen? Versuchen, den Hund zu retten – auf die Gefahr hin, dass er dabei selbst einbricht und zu Tode kommt?

Und hier beginnen für mich die Parallelen zum Leadership, denn auch in der Führungsarbeit ist man oft auf sich allein gestellt und wird immer wieder mit neuen, unerwarteten Situationen und schlimmen Umständen konfrontiert. Leadership hat deswegen für mich auch viel mit SELBSTFÜHRUNG zu tun.

Um andere Menschen zu führen, muss man einerseits RUHIG und andererseits in BEWEGUNG sein. Was meine ich damit? Eine Person, die in sich ruht und weiß, wer sie ist und was sie will, tut sich um vieles leichter, andere Menschen zu bewegen, als eine Person, die selbst „schwimmt“. Es geht also um die Fähigkeit, in sich zu ruhen und aus dieser inneren Kraft zu schöpfen. Gleichzeitig muss man aber selbst in Bewegung sein, indem man flexibel und geistig aufmerksam ist und vor allem nicht bei schwierigen Entscheidungen „erstarrt“ oder davonläuft, sondern HANDELT! Natürlich geht es bei Führung auch darum, Ziele zu haben und Menschen dazu zu bringen, diese Ziele anzuerkennen. Aber im Grunde genommen geht es um Selbstführung und um diese beiden Pole: in sich ruhen und in Bewegung sein.


Verlange von anderen nichts, was du nicht selbst zu tun bereit bist

Clemens Sedmak

SEDMAK: Was sich daraus noch ableiten lässt und worum es meiner Meinung nach auch in der Führungsarbeit geht, ist die eigene GLAUBWÜRDIGKEIT. Das Thema Glaubwürdigkeit ist ja auch eine wesentliche Schlüsselkategorie in der Ethik. Ein interessanter Grundsatz in diesem Zusammenhang, den man auch jedem Kind beibringt, lautet: „Verlange von anderen nichts, was du nicht selbst zu tun bereit bist!“

Ich bin ein Verehrer von Janusz Korczak, dem polnischen Kinderarzt und Buchautor. Janusz Korczak machte sich in den 1920er-Jahren für Kinderrechte stark. Er führte viele Radiointerviews und hatte daher auch den Spitznamen „Der polnische Radiodoktor“. Dieser Janusz Korczak also, der auch ein Waisenhaus gegründet hat, schrieb einige Bücher über Kinder, die meines Erachtens auch sehr viel Interessantes über Fragen zur Führungsethik zu bieten haben. Denn bei Kindern muss man definitiv Führungsverantwortung übernehmen. Ein Buch heißt: „Wie man ein Kind lieben soll“, und ein zweites Buch trägt den Titel: „Das Recht des Kindes auf Achtung“. In beiden Büchern betont er Folgendes – und das hat meiner Meinung nach sehr viel mit Authentizität zu tun: Überleg’ dir jede pädagogische Maßnahme. Machst du das, um DEIN Leben leichter zu machen, oder geht es um das Kindeswohl?

Ein praktisches Beispiel dazu: Wenn ich am Abend erschöpft von der Arbeit nach Hause komme und zu meinen Kindern sage: „Habt ihr schon für die Schularbeit gelernt?“, klingt das zwar Kindeswohl-orientiert, Fakt ist aber: Ich will meine Ruhe haben. Und solche Dinge passieren uns allen immer wieder, auch in der Führungsarbeit. Was Janusz Korczak also betonen will, ist folgende Frage: „Geht es dir um die dir anvertraute Person oder um dich selbst?“ Und seine zweite wichtige Frage lautet: „Hast du das schon selbst ausprobiert?“ Und das ist in Führungskontexten nicht selbstverständlich.

II

 


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QUELLEN UND LESETIPPS
  • Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 4 zu entnehmen: Weber, K.; Anschober, M. (2012/13). Die Philosophie des Führens. Oder: Warum Führung keine Kunst oder Wissenschaft ist, sondern eine Philosophie und Haltung. IMP Perspectives 4, Leadership-Logiken der Zukunft: Macht.Führung.Sinn. (S. 49-59)
  • Buchtipp: Clemens Sedmak: Das Gute leben. Von der Freundschaft mit sich selbst. Tyrolia Verlag, Innsbruck, 2015

 

Unser Interview-Partner

Clemens Sedmak
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Der österreichischer Theologe und Philosoph ist ein vielbeschäftigter Mann: Er ist Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg sowie des wissenschaftlichen Beirats des internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen in Salzburg. Seit 2018 ist der Professor an der Keough School of Global Affairs der University of Notre Dame in den USA. Immer dann, wenn er gerade "greifbar" ist, erhalten wir wertvolle in-sights in sein Denken und Arbeiten.