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in-sights: the future of management

Betrachten Sie das eigene Unternehmen mit der Datenbrille

Ein Interview mit dem Big Data-Experten Viktor Mayer-Schönberger

 

Auch für andere Unternehmen tun sich mit Big Data große Chancen auf – nicht nur für Google & Co!


Für die Big Player im Datengeschäft wie Google oder Facebook ist Big Data die Grundlage des Geschäftsmodells. Auch die Vorteile, die sich mit Big Data beispielsweise für den Bildungsbereich auftun, sind enorm.


"Stellen Sie sich ein Kindle oder einen Tablet-Computer vor, auf dem sämtliche Lehrmaterialien und Bücher beispielsweise für den Literaturunterricht zu finden sind. Ab sofort könnte die Lehrperson sehen, wieviel die Schüler tatsächlich gelesen haben, wo sie im Buch vielleicht aufgehört haben zu lesen, wo sie Teilbereiche nochmals gelesen haben, weil sie zurückgeblättert haben, welche Kapitel schwer waren und so weiter. Das Besondere wäre nun: Die Schüler würden mithilfe dieser Daten nicht benotet werden. Sondern die Daten könnten dazu dienen, den Prozess des Lernens zu optimieren: um etwa zu erkennen, an welchen Stellen die Schüler Schwierigkeiten hatten, und dann genau diese Stellen im Unterricht – also im sozialen Kontext des Lernens – zu vertiefen …“ – so Viktor Mayer-Schönberger im Gespräch.

Wie sieht es aber in der Wirtschaft insgesamt aus? Werden auch andere Unternehmen davon profitieren, nicht nur „die Großen“, sondern auch die mittelständischen und kleinen Unternehmen? Und falls ja: Welche Empfehlungen hält Big-Data-Experte Viktor Mayer-Schönberger für solche Unternehmen bereit? Das erfahren Sie im folgenden Interview.

 

Lassen Sie sich auf Big Data ein!

BAILOM: Herr Professor Mayer-Schönberger, der Begriff "Big Data" ist seit ein paar Jahren in aller Munde.  Die Welt "vermessen" wir aber schon sehr, sehr lange und die daraus resultierenden Daten dienen uns laufend als Basis für Analysen, Entscheidungen und Prognosen. Was ist also so "neu" daran?

MAYER-SCHÖNBERGER: Neu im Zusammenhang mit "Big Data" ist vor allem, dass wir uns nun aufgrund der riesigen Datenmengen, die uns zur Verfügung stehen, auch verstärkt mit Korrelationen – also mit Wechselbeziehungen und dem „Was“ – beschäftigen und nicht nur mehr mit Ursachenforschung: dem „Warum“. Es geht um Mustererkennung,  die mittlerweile weit über den Einsatz von Recommendation Engines hinausgeht. Damit sind die Empfehlungsalgorithmen gemeint, die Internet-Usern interessante Produkte, Websites, Bücher oder Musiktitel vorschlagen.

BAILOM: Und welche Bereiche werden in Zukunft  von Big Data profitieren?

MAYER-SCHÖNBERGER: In Zukunft werden all jene Bereiche und Sektoren von Big Data profitieren, in denen aus Entscheidungen direkt Erfolg oder Misserfolg abgeleitet wird. Und ich sehe das weit über den Marketingbereich hinaus. Ich sehe Big Data besonders bahnbrechend in Bereichen wie Medizin oder Bildung – und zwar deshalb, weil dort sehr wichtige Entscheidungen für das weitere Leben (!) getroffen werden.

In Zukunft werden all jene Bereiche und Sektoren von Big Data profitieren, in denen aus Entscheidungen direkt Erfolg oder Misserfolg abgeleitet wird.

Viktor Mayer-Schönberger

Doch nicht nur diese Sektoren können massiv gewinnen. Auch Unternehmen sollten ihre eigene Unternehmenswelt verstärkt durch eine Datenbrille sehen. Und hier möchte ich insbesondere die Entscheidungsträger mittelständischer Unternehmen ermutigen, sich auf Big Data einzulassen, statt sich von den „Großen“ davon abschrecken zu lassen.

Diesbezüglich gibt es meiner Meinung nach zwei beachtenswerte Punkte:

  • Seien Sie sich darüber im Klaren, dass es bei Big Data nicht bloß darum geht, die eigene Effizienz zu erhöhen, sondern vor allem auch darum, das Geschäftsmodell des Unternehmens anders und facettenreicher zu gestalten.
     
  • Beauftragen Sie im Unternehmen eine kleine Gruppe von innovativen und neugierigen Mitarbeitern damit, sich des Themas Big Data anzunehmen. Denn die meisten Unternehmen werden Schwierigkeiten haben, dieses Know-how von außen zuzukaufen.

Seien sie „offen“ für ergebnisoffene Analysen!

BAILOM: Das heißt, man muss klein anfangen: kleine Schritte setzen und versuchen, diese aus dem eigenen Unternehmen heraus zu entwickeln?

MAYER-SCHÖNBERGER: Richtig! Dabei ist es aber ganz wichtig, zu verstehen, dass es für Big Data keinen unmittelbaren „use case“ - keinen offensichtlichen Anwendungsfall - gibt. Wenn also ein Entscheidungsträger fragt, was das alles bringen soll, dann kann die Antwort nur lauten: „Das weiß ich noch (!) nicht.“ Jede andere Antwort wäre falsch! Denn wenn man das wüsste, würde es sich ja nicht um eine offene Big-Data-Analyse handeln, sondern um eine einfache Datenanalyse. Aber genau darum geht es: um ERGEBNISOFFENE Analysen.

BAILOM: Können Sie uns ein Beispiel dafür nennen?

MAYER-SCHÖNBERGER: Sie kennen vielleicht die Fremdsprachen-App von Duolingo. Millionen von Menschen verwenden diese App jeden Tag, um eine Sprache zu lernen. Und natürlich wird jede richtige Antwort aufgezeichnet, aber auch jeder Fehler. Die Mitarbeiter von Duolingo haben einmal eine offene (!) Datenanalyse gemacht – einfach nur, um zu schauen, ob es interessante Muster in den Daten gibt. Dabei sind sie auf Folgendes gestoßen:

Spanische Muttersprachler hatten bei einer bestimmten Englischlektion große Schwierigkeiten. Duolingo hat dann begonnen, diese Lektion erst später einzubauen, und die Erfolgsrate ist förmlich hinaufgeschossen. Und mittlerweile ist Duolingo der weltbeste Englischlehrer für Spanisch sprechende Menschen. Das muss man sich mal vorstellen!

Seien Sie sich darüber im Klaren, dass es bei Big Data nicht bloß darum geht, die eigene Effizienz zu erhöhen, sondern vor allem auch darum, das Geschäftsmodell des Unternehmens anders und facettenreicher zu gestalten.

Viktor Mayer-Schönberger

BAILOM: Warum kommen solche Erkenntnisse nicht  beispielsweise von den Linguisten der Oxford University?

MAYER-SCHÖNBERGER: Ganz einfach: weil sie nicht über die Daten verfügen! Und Duolingo hatte diese Einsicht, weil das Unternehmen eine ergebnisoffene Herangehensweise in der Datenanalyse an den Tag legte.

Das wäre der größte Gedankensprung für mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer: Geld in etwas zu investieren, auch wenn noch unklar ist, welches konkrete Ergebnis dabei herauskommt.

BAILOM: Dann hoffen wir, dass Ihre Gedanken und Ausführungen sämtlichen Unternehmen diesbezüglich auf die Sprünge helfen werden. Vielen Dank für das interessante Gespräch!  [1]

II


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HINWEIS

[1] Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 7 zu entnehmen: Bailom, F., Matzler, K. Storf, J. (2016). IMP Perspectives 7, Strategiearbeit der Zukunft: Wohin des Weges? (S. 49-59)

Der Autor

Portrait von DR. FRANZ BAILOM, Ein Vordenker mit internationaler Beratungserfahrung
Franz Bailom
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Franz Bailom hat zahlreiche Unternehmen bei ihren Strategie- und Innovationsprozessen begleitet. In seinen Beiträgen gibt er "in-sights" in die Welt des Management 4.0. Im Kern geht es dabei um die Nutzung von digitalen Assistenten und Tools in der Strategie- und Führungsarbeit.